Ich sehe was, was Du nicht siehst
Autor: Amelie Rick | 23.09.2026
Gelangweilt sitzt ein vierjähriges Mädchen in einer Berliner S-Bahn neben seiner Mama. Es schaut aus dem Fenster und beobachtet dabei die Regentropfen, die sich wie kleine Straßen an der Scheibe entlangrollen. Ab und zu dreht es seinen Kopf Richtung Anzeigetafel. Ganz so, als ob es die dort aufleuchtenden nächsten Stationen bereits selbst lesen könnte. Wie immer, wenn es das tut, fragt es leise: „Mama, wie lange fahren wir noch?“ „Noch eine ganze Weile, mein Schatz“, kommt die prompte Antwort. „Mir ist langweilig. Können wir was spielen?“, versucht es die Kleine zaghaft. „Was willst Du denn spielen?“, fragt die Mutter. Ihre zurückhaltende Art lässt vermuten, dass sie die Antwort gar nicht hören will. Doch kaum ist die Frage gestellt, kommt auch schon ein begeisterter Vorschlag: „Ich sehe was, was Du nicht siehst! Du fängst an, Mama!“ Und so beginnen die beiden das berühmte Spiel, das jeder andere Fahrgast hier ebenfalls zu kennen scheint. Denn plötzlich spielt nicht nur das Mutter-Tochter-Gespann. Auch viele andere drehen, neigen und recken ihre Köpfe auf der Suche nach dem nächstgesuchten Gegenstand. Und freuen sich leise schmunzelnd, wenn sie mit ihrer Vermutung richtig lagen. Und wie von selbst spinnt sich ein feines Band zwischen den Fahrgästen, die für einen Moment ihre längst vergangene Kindheit wieder aufleben lassen.
Hinter dieser kleinen alltäglichen Szene verbirgt sich weit mehr als nur das. „Was denn?“, mögen sich einige fragen. Eine Einladung! Eine Einladung, sich wie die gerade erwähnte Mutter zu überwinden und mitzuspielen. Um sich auf die Lebenswelt eines anderen Menschen einzulassen. Fragen zu stellen, die helfen, die Perspektive des Gegenübers zu verstehen. Genau hinzuschauen, was gemeint ist. Und sich geduldig immer einen Schritt weiter aufeinander zuzubewegen. Bis man sich die Freude darüber, einander verstanden zu haben, teilen kann.
Ja, im Grunde ist der Satz „Ich sehe was, was Du nicht siehst.“ der keimende Beginn von etwas ganz Großem: der Völkerverständigung. Denn er reicht die Hand zum Dialog, weckt Neugier auf den Blick des Gegenübers und macht leicht klar: Jeder von uns sieht etwas und jeder von uns hat blinde Flecken. Wer diese Hand ergreift, kann sich glücklich schätzen. Denn er lässt sich auf die Reise über den eigenen Tellerrand ein und kann damit nur gewinnen.
Das gilt für andere Kulturen, Traditionen und Religionen. Aber auch für andere Lebenseinstellungen, Rollenbilder, Werte und Wurzeln. Jeder von uns kommt aus seiner ganz eigenen Welt, aus seiner eigenen Prägung und seinen damit verbundenen Erfahrungen. Das macht uns aus. Und so läuft jeder von uns als seine eigene kleine Welt durchs Leben. Es sich darin bequem zu machen, ist eine Möglichkeit. Die andere wäre, ganz bewusst immer wieder auch den anderen verstehen zu wollen. Seine Welt kennenzulernen und die eigene Sicht dadurch erweitern zu lassen. Diese Möglichkeit ist sicher ein wenig anstrengender. Denn sie erfordert die Bereitschaft zur (Selbst-)Reflektion. Und die Kraft zu akzeptieren, dass jeder von uns anders tickt, ohne es zu bewerten. Sie erfordert den Mut, sich und sein eigenes Handeln und Wirken zu hinterfragen. Und gleichzeitig zu dem zu stehen, wer man selbst ist. Ja, sie erfordert Toleranz in ihrer ursprünglichsten Form: Einander stehen zu lassen, ohne sich dabei zu entzweien. Und auf die Suche nach Schnittmengen zu gehen. Wir geben es gerne zu: Dieser Weg kostet mehr Kraft. Und doch ist er lohnenswert.
Denn am Ende geht es darum, dass wir alle Teil dieser Welt sind. Und dass wir alle unsere ganz eigene Farbe mit zu ihr dazugeben. Wie langweilig und eintönig wäre es doch, wenn alle gleich wären? Wir brauchen einander. Um uns zu ergänzen, zu erweitern, positiv herauszufordern und zu achten. Nur so ist ein friedliches Miteinander möglich. Denn nur so wird das bewahrt, was wirklich wichtig ist und was uns alle eint: „Seid Menschen!“ (Margot Friedländer)
So laden wir alle, die diese Zeilen lesen, mal wieder zum Spielen ein. Und wünschen dabei nicht nur viel Spaß, sondern auch Lust an der Erweiterung des eigenen Horizonts. Denn nur, wenn wir uns zusammentun, beginnen wir, das größere Bild zu erahnen, das uns umgibt. Auf diese Weise wird unser Verständnis für unser Mensch-Sein weiter, weicher und vor allem eins: verbindend.
